Alles begann in einem langweiligen Büro in einem sinnlosen Job und einer langsam sterbenden, typischen Büropflanze (die mit den grünen Blättern, ihr wisst schon). Eine Alternative musste her, wenn man nicht so eingehen wollte wie dieser Busch dort auf dem Tisch. Dr. Google sollte eine Therapie dagegen versprechen. Man suche: "alternative", "grüne", "Jobs", "kein Büro", "sinnvoll". Die Resultate außerhalb der Politik waren überschaubar. Forstwirt? Tierschützer? Influencer? Gärtner in einer Firma namens "Solidarische Landwirtschaft"? Bei was? Was zur Hölle ist denn das jetzt wieder für ein Start-up? Was ist denn an unserer Landwirtschaft so falsch? Dr. Google lief auf Hochtouren. Schlagzeilen von streikenden Landwirten, existenzbedrohenden Abnahmepreisen und Lohndumping bei Erntehelfern flatterten über den Monitor. Das ist eine Frechheit! Landwirte sollten mehr Geld verdienen. 
Am gleichen Abend... Genervt vor dem Gemüseregal eines Discounters stehend (der mit Blau im Label) stieg schon wieder diese Wut auf: Der Sack Karotten 1,99 € und die rote Bete ist auch schon wieder teurer geworden! Dann machte es Klick... Ich bin schuld! "You get what you pay for! / Du bekommst das, wofür du zahlst!"  Zeit was zu ändern! Also, wie war das nochmal mit diesem Start-up? Solidarisch, regional, saisonal, ein Teil des großen Ganzen sein? Das klingt doch fair?! Die Infoveranstaltung war schnell gebucht, der Vertrag schnell unterschrieben und das Gewissen bereinigt. So vergingen ein paar Wochen voller zermürbender Momente vor Gemüseregalen, mit schier unendlichen Auswahlmöglichkeiten und deren exponentiellen Zubereitungsmöglichkeiten. Die übliche tägliche Fragestellung eben: "Was sollen wir denn heute kochen?" Dann kam er nun doch endlich: der Moment. Der erste Blick auf die Kiste mit dem Gemüse, das man nicht selbst wählte. Der erste Blick auf gewachsene Solidarität. Der erste Blick auf... Spinat. 
Einen ganzen Haufen Spinat. Wenn man sich als Einzelperson nicht nur einen halben, sondern einen ganzen Ernteanteil gesichert hat und kein Seemann mit vorübergehendem Bedarf an übergroßer Kraft ist, um Bösewichte zu bekämpfen, dann muss man spätestens jetzt kreativ werden. Die übliche tägliche Fragestellung lautete ab diesem Moment anders: "Was kochen wir daraus?" Was zu Beginn wie ein Einschnitt in den Luxus der freien Auswahl klang, entwickelte sich jedoch schon am zweiten Tag zu einem unerwarteten Befreiungsschlag. Anstatt Stunden damit zu verbringen, ein annehmbares Gericht aus den nahezu grenzenlosen Sphären des Internets zu recherchieren, waren wir nun begrenzt. Die Auswahl der möglichen Gerichte wurde kürzer und alte Kindheitserinnerungen wachgerüttelt. Das Eingrenzen der Möglichkeiten wirkte hier also entlastend, und nicht beschneidend.
Die Gedanken über teure Rote Bete im Discounter verpufften im Nichts, als die zweite Kiste zur Abholung bereitstand. Die Anzahl der Fragezeichen stieg proportional zu den sich offenbarenden roten Rüben in der Kiste. Eine Woche der Kreativität in der Küche begann Spaß zu machen, trotz gravierender Fehlschläge. Pastinaken-Gnocchis sind schnell zuzubereiten, haben sie gesagt. Pastinaken-Gnocchis sind lecker, haben sie gesagt... Schade ums Gemüse... Runde Nummer drei war eine Überraschung. Kaninchenfutter in Form von Steckrüben, denn mehr war es zuvor nie. Mit etwas Paniermehl und ausgebacken wie Schnitzel, kann man seinen Horizont erweitert nennen. "Altes" Gemüse aus Großmutters Küche, an das man sich nicht herangetraut hat, heute wieder zu entdecken, und darüber hinaus in einem System, das dazu dient, allen Beteiligten ein gerechtes Dasein zu ermöglichen, lässt es in einem noch schmackhafteren Licht dastehen. Für den Job eines Gärtners mag es nicht gereicht haben, aber das Verständnis von Solidarität und Möglichkeiten der Landwirtschaft hat sich gewandelt! P.S.: Die mittlerweile verstorbene Büropflanze landete, am letzten Tag in diesem Büro, auf dem Müll. P.P.S.: In der Grundschule habe ich das letzte Mal Kresse gegessen. Ich hatte ganz vergessen wie toll sie ist! Peter
Karikaturen: Mike Grunzke